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Medientipps der Stadtbibliothek

Was gibt es Neues in der Bibliothek?

Eingefroren am Nordpol

von Markus Rex. C. Bertelsmann 2020.

Das Buch handelt von der MOSAiC-Expedition. An dieser wohl größten Arktisexpedition aller Zeiten nahmen einige hundert Forscherinnen und Forscher aus 37 Nationen teil, angeleitet vom deutschen Alfred-Wegener-Institut.
Die Arktis ist eine Region, die sich in den letzten Jahrzehnten extrem erwärmt hat. Ziel dieser Expedition war es, die Ursachen dieses Klimawandels zu erforschen und den Einfluss dieser Veränderungen auf das globale Klima besser zu verstehen. Im Herbst 2019 ließ sich das Forschungsschiff „Polarstern“ an einer Eisscholle festfrieren und driftete ohne eigenen Antrieb fast ein Jahr lang rund 3400 km durch das Nordpolarmeer. Der Verlauf dieser Reise wird auf sehr persönliche Weise in Tagebuchform geschildert, und zwar von Markus Rex, Professor für Atmosphärenphysik und Leiter der MOSAiC-Expedition. Es handelt sich also nicht um eine wissenschaftliche Abhandlung, sondern der Autor beschreibt anschaulich, wie die Teilnehmer der Expedition die täglichen Herausforderungen unter extremsten Bedingungen meistern. Dazu gehören unter anderem Temperaturen von minus 40 Grad Celsius, Begegnungen mit Eisbären, Schneestürme, stockdunkle Polarnächte, Eisrisse und dramatische Rettungsaktionen von Wissenschaftlern und ihren Instrumenten. Aber auch die Faszination der Landschaft und der Alltag an Bord kommen nicht zu kurz. Spannend ist auch die Schilderung, wie der Ausbruch der Corona-Pandemie die Expedition fast zum Scheitern gebracht hätte und in kürzester Zeit ein völlig neues Logistik-Konzept für die Versorgung der „Polarstern“ erarbeitet werden musste.
Aufgelockert wird der Text durch zahlreiche beeindruckende Farbfotos und farbig abgesetzte Info-Kästen mit Zusatzinformationen, z.B. „Was essen Polarforscher“, „Wem gehört die Arktis“ oder „Wie geht es Eisbären im Klimawandel“.
Das Buch ist verständlich geschrieben und nicht mit wissenschaftlichen Fachausdrücken überladen. Man wird als Leser geradezu hineingezogen in dieses Abenteuer und hat manchmal fast das Gefühl, selbst mit an Bord der „Polarstern“ zu sein.
Und wer sich dafür interessiert, wie so eine Polarexpedition Ende des 19. Jahrhunderts abgelaufen ist, dem empfehle ich das Buch „In Nacht und Eis“ von Fridtjof Nansen, das in der Bibliothek in einer Neuausgabe, Edition Erdmann, 2020 vorhanden ist.

 

Buchtipp von Heike Sievers
Dipl. Bibliothekarin Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© C. Bertelsmann Verlag

Die Mörderinsel

von Eric Berg. Limes 2020.

Es ist wieder so weit! Ein neuer Kriminalroman von Eric Berg ist erschienen.

Es ist bereits sein Fünfter und entführt uns dieses Mal in ein kleines Dorf auf der Insel Usedom, die „Mörderinsel“. Es beginnt damit, dass ein Hotelbesitzer von einer Mordanklage freigesprochen wird. Ein junges Mädchen ist umgebracht worden. Holger Simonsmeyer kann nicht verurteilt werden. Er gilt als Hauptverdächtiger, aber es mangelt an Beweisen. Für dieses Urteil haben die meisten Dorfbewohner kein Verständnis. Der Volkszorn wabert in gefährliche Höhen und es entsteht ein selbst ernannter Bürgerschutz.

Dann wird erneut eine junge Frau tot aufgefunden. Der Vater des ersten Opfers stirbt bei einem durch Alkoholeinfluss selbst verschuldeten Autounfall. Die Journalistin Doro Kagel macht sich an die Aufklärung der Verbrechen. Sie ist bald davon überzeugt, dass hinter ihnen kein Triebtäter steckt, der wahllos zuschlägt. Sex scheint überhaupt als Motiv eine Rolle zu spielen. Nach und nach kann die Reporterin (und der ermittelnde Polizist) Erkenntnisse gewinnen. Bevor es ihnen in einem großen Finale gelingt, den Täter zur Strecke zu bringen, kommt es noch zu einer anderen Katastrophe, die mehrere Menschenleben fordert. Auch die Überlebenden stehen am Ende als Verlierer da. Der Leser, der von diesem Buch spannend unterhalten wurde, bleibt auch etwas ratlos zurück. Er fragt sich, warum die Menschen nicht toleranter und aufgeschlossener gegenüber anderen Lebensentwürfen sind. Viel Leid und Kummer wären vermeidbar!

 

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Limes Verlag

Die Sprache der Dornen

von Leigh Bardugo. Audiobuch 2019.

Wunderschöne und finstere Märchen aus der Fantasy-Welt von Leigh Bardugo!

In diesem Hörbuch entführt uns Bardugo mit fünf Kurzgeschichten aus Ihrer Krähen- und Grischa-Reihe, „Das Lied der Krähen“ und „Das Gold der Krähen“, in die Welt der Mythen und Sagen. Diese sogenannten „Mitternachtsgeschichten“ sind keine typischen Märchen, wie wir sie kennen oder erwarten. Um zu erkennen, wo Realität anfängt und wann diese in einer Illusion endet, muss man sich den „Dornen“ des Lebens stellen. Die Märchen beziehen sich auf Themen, mit denen wir uns Menschen nicht gerne auseinandersetzen, ob Verrat, Lüge, Schuld oder sogar dem Tod selbst.

Leigh Bardugo kombiniert bereits bekannte Figuren aus der Märchenwelt mit düsteren Elementen und neuen Handlungssträngen. Ein missverstandenes Monster, das für Fehler anderer bestraft und verachtet wird, eine Hexe die Wünsche erfüllen kann, die aber einen hohen Preis fordern, schlaue Füchse, deren Vertrauen missbraucht wird und nicht alles ist so, wie es scheint.

Der Handlungsaufbau Ihrer Geschichten ist immer gleich. In einer fantastischen Welt werden mit fortschreitender Handlung gesellschaftliche Abgründe sichtbar gemacht, und durch überraschende Wendungen bleibt der Ausgang einer Erzählung bis zum Schluss unklar. Der erste Eindruck kann täuschen! Durch diese Ungewissheit entsteht ein fortschreitender Spannungsaufbau, der erst am Ende aufgelöst wird.

Der Sprecher Frank Stieren erweckt mit seiner vielseitigen und ruhigen Stimme die Figuren zum Leben. Seine Stimme passt gut in die Fantasy-Welt und Welt der Märchen hinein.
Für einen Märchenabend in kalten Nächten vor einem warmen Kamin ist dieses Hörbuch genau das Richtige! Aber Achtung! Es sind keine Märchen für kleine Kinder!

 

Buchtipp von Laura Fischer
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Audiobuch Verlag

Schwert und Krone - Preis der Macht

von Sabine Ebert. Knaur 2020

Die Autorin legt mit dem nun vorliegenden 5. Band ihrer Geschichte um den Kaiser "Barbarossa" das Finale ihres Epos vor. Der eigentliche Name lautete Friedrich I. Der Herrscher aus dem Hause der Staufer lebte von 1122-1190 und war eine der wichtigsten Persönlichkeiten seiner Zeit.
Die Verfasserin folgt seinem Lebensweg in insgesamt 5 Büchern, die unter dem Obertitel "Schwert und Krone" erschienen sind. Sie versteht es ausgezeichnet, dem heutigen Leser die damalige Zeit nahe zu bringen. Die Hauptfiguren werden anschaulich und lebensnah dargestellt. Es ist eine wichtige und schwere Aufgabe für jemanden, der einen historischen Roman geschrieben hat, die Gedankenwelt seiner Protagonisten plausibel und glaubhaft im Rahmen (und den Grenzen) ihrer Zeit darzustellen. Bisweilen denken und reden Figuren, die im Mittelalter leben, in etwa wie bundesdeutsche Politiker der Gegenwart. Das mag nett gemeint sein, ist aber historisch indiskutabel!
Sabine Ebert macht solche Fehler natürlich nicht. Sie versteht es, sich in die Welt ihrer Handlung zu versetzen. Man muss auch zugeben, dass sie es versteht, äußerst spannend zu erzählen. Das gilt für alle Szenen, egal ob sie bei Streitgesprächen auf einer Burg, auf einem Schlachtfeld oder während einer Liebesnacht in einer Kemenate spielen. Denn auch die edlen Damen werden trefflich geschildert.
Jahrhunderte nach seinem Tode wurde Barbarossa zum unfreiwilligen Namensgeber für Hitlers Ostfeldzug gegen die Sowjetunion. In jeder Hinsicht zu Unrecht, denn den deutschen Kaiser zog es, wenn er Kriegszüge unternahm, doch eher nach Süden in das sonnige Italien. Dort ist es zwar warm, aber dennoch ungemütlich. Wir können lernen, dass es schon damals tödliche Epidemien gab, die viele Menschen dahinrafften.
Gegen Ende der Werklektüre erwartet den Leser eine Überraschung, die nicht jeden erfreuen dürfte. Dafür wird man auf jeden Fall zur weiteren Beschäftigung mit den Büchern Sabine Eberts angeregt. Mehr soll an dieser Stelle jetzt nicht verraten werden.
Stürzen Sie sich in das Lesevergnügen, treffen Sie Heinrich den Löwen und Rainald von Dassel und nehmen Sie teil an den Kämpfen zwischen Kaiser und Papst, zwischen weltlicher und geistlicher Macht im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation des 12. Jahrhunderts! Es lohnt sich!

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Knaur Verlag

Gott. Ein Theaterstück

von Ferdinand von Schirach. Luchterhand 2020

Früher durften Selbstmörder nicht auf dem "Gottesacker" beerdigt werden. Im Mittelalter bestimmte die Kirche weitgehend, wie die Menschen zu denken hatten. Selbst das Lachen sollte verboten werden, weil es angeblich den Zweifel am Glauben förderte (siehe Umberto Eco's "Der Name der Rose"). Nach und nach ließ der Einfluß des Katholizismus nach. Luther und andere forderten den "freien Christenmenschen", der allerdings seiner "von Gott eingesetzten" Obrigkeit brav untertan sein sollte. Die Aufklärung tat das ihre, irgendwann wurden auch keine Menschen (wie "Hexen" oder "Ketzer") auf dem Scheiterhaufen mehr verbrannt.
Der Selbstmord ist das heute fast letzte bestehende Tabu - und auch er wird heftig akttackiert. Von vielen Seiten wird gefordert, dem Menschen es selbst zu überlassen, ob, wann und wie er diese Welt verlassen möchte. In Deutschland hat die Kirche bei der Ablehnung des Freitodes mächtige Verbündete: Fast die gesamte Parteipolitik, dazu weite Teile der Ärzteschaft und lange auch fast die gesamte Justiz ist gegen Sterbehilfe.
Das hat auch plausible Gründe: Hitlers Verbrecherbande bestimmte in ihrer Zeit an der Macht über sogenanntes "lebenswertes Leben". Nur weil sie körperlich oder geistig schwer geschädigt waren, wurden Tausende gnadenlos ermordet. Ein Verbrechen, dass einen auch nach Jahrzehnten noch sprachlos zurücklässt. Sogar Ärzte machten mit!
Nach 1945 schlug das Pendel in die andere Richtung zurück: Mochte das Leiden noch so schwer, die Situation noch so aussichtslos sein - Sterbehilfe blieb quasi eine Unmöglichkeit, dabei half kein Arzt!
Andere Länder (ohne unsere schlimmen geschichtlichen Erfahrungen) wie Holland und die Schweiz verhielten sich liberaler. Und Anfang des Jahres 2020 wechselte auch das Bundesverfassungsgericht seinen Standpunkt: Jeder habe das Recht, über sein Lebensende selbst zu bestimmen.
Der bekannte Autor Ferdinand von Schirach setzt sich im vorliegenden Stück mit dieser existentiellsten aller Fragen auseinander: Die verschiedenen Positionen werden vorgetragen und begründet. Ein 78-jähriger Mann will sterben, weil ihm das Leben ohne seine verstorbene Frau nichts mehr bedeutet. Darf er das? Spielt man Gott, wenn man die Frage überhaupt beantwortet? Lässt sich die Frage überhaupt allgemeingültig beantworten?
Von Schirach hütet sich letztlich auch vor einem endgültigen Urteil. Er schildert die Standpunkte (auch die des Pfarrers) plausibel und überzeugend. Er sagt nicht simpel, die vorhandenen Kinder seien doch Grund genug, am Leben bleiben zu wollen. Der Autor nimmt aber auch nicht die extreme Gegenposition ein, die Einige aus dem Urteil der Karsruher Verfassungsrichter herleiteten: Jeder kann gehen, wenn er es will.
Die Wahrheit ist komplizierter, das weiß der Verfasser ebenso wie der interessierte Leser. Dieser bleibt letztlich etwas ratlos zurück, was von Schirach sicher auch so gewollt haben dürfte. Er hat klugerweise keine Entscheidung getroffen. Egal, wie Probeabstimmungen ausgehen mögen: Dieses letztlich für fast Jeden wichtige Thema wird uns noch lange beschäftigen. Jeder muss sich seine eigene Meinung bilden und sich (unter Umständen) irgendwann selbst entscheiden.

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Luchterhand Verlag

Der Tunnel

von Chris McGeorge. Knaur 2020

Der britische Autor Chris McGeorge legt nach „Escape Room“ nun seinen nächsten spannungsgeladenen Thriller vor: „Der Tunnel – Nur einer kommt zurück“ – der Titel verrät eigentlich schon alles…
Sechs Freunde, die sich schon seit ihrer Kindheit kennen, machen eine letzte Fahrt durch den längsten Kanaltunnel Englands. Als das Boot nach zwei Stunden den Tunnel durchquert hat, ist nur noch der bewusstlose Matthew McConnell an Bord. Trotz der fehlenden Erinnerungen an die Kanalfahrt ist er der Hauptverdächtige, denn als Touristenführer kennt niemand den Tunnel so gut wie Matthew. Was ist im Standedge-Tunnel passiert?
Der Roman beginnt mit dem Journalisten und Schriftsteller Robin Ferringham, dessen große Liebe auf unbekannte Weise verschwindet. Um ihr Verschwinden zu verarbeiten, schreibt Ferringham ein Buch. Auf einer Signierstunde erhält er einen Hilferuf von Matthew aus dem New-Hall-Gefängnis. Matthew verspricht Ferringham Informationen zu seiner verschwundenen Frau zu geben, wenn dieser ihm hilft seine Unschuld zu beweisen. Kann er Matthew vertrauen? Woher kennt Matthew sie? Ferringham geht auf den Deal ein und wird so einige dunkle Geheimnisse des Tunnels und dem Rest der scheinbar verschlafenen Provinz aufdecken.

Chris McGeorges Roman „Der Tunnel“ stellt seine Leser vor mehrere Rätsel, mit Robin Ferringham als Leitfigur. Ein Rätsel ist die Suche nach seiner spurlos verschwundenen Frau und dem schier unlösbaren Rätsel, wie fünf Menschen gleichzeitig in einem Tunnel verschwinden können, der nur einen Ein- und Ausgang besitzt? Warum wollen die Dorfbewohner, aus der Heimat der Opfer, nicht das weiter ermittelt wird?

Im Verlauf der Geschichte entdeckt Ferringham verschiedene Lösungen. Sobald eine Frage beantwortet wird, tauchen jedoch neue und überraschende Wendungen auf. Ferringham fragt sich, ob das Vertrauen in Matthew es wirklich wert ist und er die Informationen zu seiner Frau verkraften kann. Das alles macht diesen Roman so interessant und vielfältig.
Inhaltlich ausgeglichen wird der Roman durch den Bezug auf „Escape-Rooms“ und einem eher ungewöhnlichen „Ermittler“. Kleine Schwächen liegen in der Darstellung einzelner Figuren durch wenige Details und etwas zu konstruierten Handlungen. McGeorges Stil ist eher nüchtern und zurückhaltend, trotzdem bekommt der Leser einen Einblick in Gedanken und Gefühle Ferringhams.

Mein Fazit: „Der Tunnel“ von Chris McGeorge ist ein überzeugender Thriller mit vielen Wendungen und spannender, mitreißender Handlung. Man möchte das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen.

Buchtipp von Laura Fischer
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Droemer Knaur Verlag

Wer ist Edward Moon?

von Sarah Crossan. Mixtvision 2020

Der Jugendroman erzählt die berührende und fesselnde Geschichte eines Jungen und seinen zwei Geschwistern aus ärmlichen Verhältnissen, die nie das Gefühl einer liebevollen Familie erfahren haben. Eine wichtige Stütze in Joes Leben ist sein Bruder Ed, der versucht, seinen Geschwistern ein geregeltes Familienleben zu ermöglichen. Als dieser angeblich einen Polizisten erschossen haben soll, wird er zur Todesstrafe verurteilt. Ist Ed wirklich schuldig? Erst nach zehn Jahren sehen sich die Brüder wieder und Joe ist eines klar, er wird bis zum Tod seinem Bruder zur Seite stehen.

„[…] Eine Hinrichtung kostet um die vier Millionen Dollar. Das ist achtmal mehr als jemanden lebenslang einzusperren. Nicht dass das irgendwen interessiert: Ein Menschenleben auszulöschen ist jeden Cent wert. […]“ Zitat S. 139

Die Todesstrafe ist eines der meist umstrittenen Themen der Menschen weltweit.
Wie soll ein Mensch sterben und warum? Sarah Crossan spricht dieses viel diskutierte Thema an und zeigt, was ein solches Todesurteil (ob gerechtfertigt oder nicht) mit allen Beteiligten macht. Wir erleben die Geschichte aus der Sicht von Joe Moon, der seinen Bruder im Gefängnis besucht, wie er die Wochen in einer fremden Stadt erlebt und sich an Ereignisse aus seiner frühen Kindheit erinnert.

Was diesen Roman so besonders macht, ist die Textgestaltung und der Schreibstil von Sarah Crossan. Es gibt keine ausschweifenden Erklärungen, sondern einfache kurze Gedankenstränge oder einzelne Worte. Auch werden keine juristischen Vorgänge ausführlich beschrieben. Der Leser bekommt einen sehr persönlichen Einblick in Joes Gefühlsleben. Man erlebt seinen Schmerz und seine Hoffnung. Dass der Satzbau nicht immer vollständig ist, schadet dem Text in keiner Weise, im Gegenteil, er beschreibt das Thema in einer direkten unverkleideten Weise und schildert ungeschmückte Tatsachen.
Er stellt den Leser vor einen Spiegel und lässt ihn darüber nachdenken. Es tauchen Fragen auf: Kann ich vergeben? Wie viel ist ein Leben wert? Und wie verabschiede ich mich?

Mein Fazit:
„Wer ist Edward Moon?“ hat mich tief berührt und kann durch seinen ungewöhnlich kurzen und inhaltlich direkten Schreibstil dieses schwierige Thema auch jugendlichen Lesemuffeln näherbringen.

Buchtipp von Laura Fischer
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Mixtvision Verlag

Palast der Safranblüten

von Lydia Conradi. Piper 2019

Eine exotische, farbenprächtige Geschichte erwartet die Leser*innen mit „Palast der Safranblüten“. In diesem historischen Roman, der 1910 in England beginnt, verknüpft Lydia Conradi das Schicksal zweier Schwestern mit der Geschichte eines unheimlichen Hauses.

Della, die jüngere Tochter des Landadligen Gerald Lascelles, wird nach einer Affäre mit dem Stallknecht zur Strafe nach Indien geschickt.
Dort soll sie bei Verwandten bleiben, bis sich der Skandal  gelegt hat. Die ältere Schwester Perdita erhält schon kurz nach Dellas Ankunft in Shimla einen Brief, in dem Della von einem Mann schwärmt und den sie heiraten möchte. Nachdem Erkundigungen eingezogen wurden, ist der Heiratskandidat auch in den Augen des Vaters annehmbar.
Doch plötzlich kommen keine Nachrichten mehr aus Shimla. Perdita macht sich gegen den Willen ihres Vaters und ihres Verlobten alleine auf den Weg nach Indien. In den Bergen des Himalayas erlebt sie den Zauber von Shimla, der Sommerresidenz des Vizekönigs von Indien.
Hier trifft sie auch den charismatischen und undurchsichtigen Fergus. Aber was hat er mit dem Verschwinden ihrer Schwester zu tun und welches dunkle Geheimnis umgibt sein düsteres, einsam gelegenes Haus mit den seltsamen Bewohnern? Und da ist noch der indische Arzt Tushar Vashiht. Bei ihm fühlt sich Perdita erstaunlich geborgen und verstanden.

Das Buch ist aus der Sicht Perditas geschrieben. Dellas Geschichte wird aus Tagebucheintragungen und Briefen ersichtlich. Dazwischen gibt es noch den Briefwechsel zweier junger Frauen vor fast hundert Jahren. Diese verschiedenen Stränge sind am Anfang etwas verwirrend, lösen sich dann aber bis zum Schluss auf, so dass die Spannung bleibt.

Sorgfältige Recherchen über das britische Indien Anfang des 20. Jahrhunderts, und die darin eingewobene Liebesgeschichte machen das Buch zu einem Lesevergnügen.

Das Cover ist sehr ansprechend und die Kapitelanfänge sind mit Mandalas ausgestattet. Außerdem gibt es Zitate von Rabindranath Tagore, einem indischen Dichter, der 1913 den Nobelpreis in Literatur erhielt.

Buchtipp von Ulrike Brose
Bibliotheksassistentin Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Piper Verlag

Nach dem Feuer

von Petra Hammesfahr. Diana Verlag 2020

Petra Hammesfahr, geboren 1951, schrieb zwar mit 17 ihren ersten Roman, der Erfolg kam aber erst sehr viel später. Mit „Das Geheimnis der Puppe“ gelang ihr 1991 der Durchbruch. Seither gehört sie zu den erfolgreichsten Krimi-Autorinnen Deutschlands. Bereits über 30 Bücher hat sie veröffentlicht, die in 23 Sprachen übersetzt wurden. Viele ihrer Spannungsromane wurden verfilmt z.B.: „Der stille Herr Genardy“,“ Die Mutter“, „Der Puppengräber“, „Die Lüge“ und „Die Sünderin“ bei Netflix „The Sinner“.

In ihrem neuen Roman beschäftigt sie sich mit dem Thema Narzissmus, und wie ein narzisstischer Mensch rücksichtslos die eigene Familie zerstören kann.

Auf einer Aushubdeponie wird ein 15jähriger Junge von der Polizei aus einem brennenden Wohnmobil gerettet. Fragen nach seinem Namen und seiner Familie weicht er aus. Die Polizisten können nicht erkennen, ob der Junge geistig zurückgeblieben ist oder gut schauspielern kann. Hauptkommissarin Rita Voß, die mit dem Fall betraut wird, sucht daraufhin Rat bei ihrem ehemaligen Vorgesetzten Arno Klinkhammer. Im Laufe der Ermittlungen begreift er, dass es sich um den Sohn einer Frau handelt, die vor Jahren ihren Ex-Mann beschuldigte, seine Tochter sexuell missbraucht zu haben.
Später wird in einer Mietwohnung in Grevenbroich-Gustorf die Leiche dieser Frau gefunden. Sie wurde bestialisch ermordet und war offenbar schon längere Zeit tot. Hat der Junge sie getötet, oder wollte sich jemand nach Jahren rächen?
Gründe dafür gäbe es genug. Bei den Ermittlungen kommt heraus, dass die Tote Personen im Familien- und Bekanntenkreis stets ausnutzte, um ihre eigenen Ziele zu erreichen. Sie manipulierte sie, um sie danach emotional und finanziell auszubeuten. An ihre Tochter hatte sie sehr hohe Erwartungen, ihren Sohn hielt sie wie einen Gefangenen. Eine Mutter, der ihr Sohn völlig gleichgültig gewesen war.

Obwohl der Titel des Buches „Nach dem Feuer“ lautet, werden die Kapitel in vor und nach dem Feuer unterteilt und aus der Sicht des Jungen, der Ermittler und des Großvaters erzählt.

Ein berührendes Buch, das sehr spannend ist, aber zugleich auch traurig und wütend macht.

Buchtipp von Ulrike Brose
Bibliotheksassistentin Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Diana Verlag

Grand Hotel Bellvue - ein kunstvoll illustriertes Bilderbuch

von Hendrik Jonas. Tulipan Verlag 2020

Eine bezaubernde Geschichte für Kinder und Eltern, die mit einem Augenzwinkern darauf aufmerksam macht, dass Eltern ihren Kindern durchaus mehr zutrauen dürfen:

Es sind Hundeferien! Die Eltern vom kleinen Hund haben mal wieder keine Zeit, sie sind auf Geschäftsreise und nehmen den kleinen Hund einfach mit. Es ist tierisch langweilig, doch dann passiert es: Bei all den wichtigen Geschäften, vergessen sie den kleinen Hund im Grand Hotel Bellvue: Ein Abenteuerspielplatz der Extraklasse. Langweilig wird es dem kleinen Hund hier gar nicht, er lernt viele verschiedene Hunde mit ihren besonderen Fähigkeiten oder auch Nicht-Fähigkeiten kennen: die zuckersüße Mademoiselle Tütü als Zimmermädchen, den gefürchteten Riesenschnauzer als Oberkellner, den blinden Bobtail als Chauffeur und viele andere liebenswerte Hundecharaktere, die allerdings nicht sonderlich für ihre Aufgaben geeignet scheinen. Nach ein paar Tagen hat der kleine Hund alles auf den Kopf gestellt und jeder Hund hat seinen Platz gefunden, so dass sie ihre Fähigkeiten bestmöglich einbringen können. Der Hoteldirektor ist mächtig stolz auf den kleinen Hund. So klein ist der kleine Hund nämlich gar nicht mehr! Und dann haben die Eltern auch wirklich mal Zeit für ihn!

Das Bilderbuch bringt auf humorvolle Weise wichtige Themen wie Zeit innerhalb der Familie, Work-Life-Balance, Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Diversität in den Blickpunkt. Der Berliner Illustrator Henrik Jonas hat diese Geschichte erfunden und so wunderbar illustriert, das man sich kaum sattsehen kann an dem bunten Hundespektakel. Das Buch besticht durch die witzigen Dialogen und die individuellen Charakterzeichnungen - es ist einfach zu köstlich, wir haben viel gelacht! Für Kinder wie für Erwachsene ist es ein wahres Erlebnis, laut daraus vorzulesen! Doch Vorsicht: Dieses Buch schießt durchs Auge mitten ins Herz!

Buchtipp von Katinka Friese
Bibliotheksleiterin Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Tulipan Verlag

Das Buch eines Sommers. Werde der du bist

von Bas Kast. Diogenes Verlag 2020

Berufstätige mit Familie wissen, wovon Bas Kast schreibt: Das Hamsterrad und das schlechte Gewissen, der Familie sowie dem Beruf nie gerecht werden zu können. Bas Kast, der großen Öffentlichkeit bekannt geworden mit seinem Ernährungskompass, der monatelang die Bestsellerlisten anführte, bringt hier in seinem ersten Roman die großen Themen des Lebens aufs Tableau. Sollten wir aus dem Hamsterrad aussteigen, bevor es zu spät ist und uns die Endlichkeit einholt? Wie können wir es schaffen, Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen? Was ist aus unseren Idealen geworden? Sollten wir nicht mehr auf unsere innere Stimme hören und das machen, was uns Spaß macht und zu unseren Neigungen passt?

Der Protagonist Nikolas wollte eigentlich Schriftsteller werden. Jetzt steht er unter Druck und in der Verantwortung, die Firma, die er von seinem Vater übernommen hat, zum Erfolg zu führen. Der Tod seines Onkels öffnet ihm die Augen und er hält kurz inne in seinem Hamsterrad. Ist das das Leben, das er leben wollte? Sein Onkel, ein wahrhafter Genussmensch, hatte es geschafft, er hat sich seine Träume erfüllt und war ein angesehener Schriftsteller geworden.

Die Konfrontation mit der Endlichkeit lässt Nikolas nicht kalt, er hinterfragt sein Leben und ob er der geworden ist, der er ist. Sein Onkel ist seiner Intuition gefolgt, hat es mit dem Schreiben zu Wohlstand gebracht. Kinderlos hinterlässt er Nikolas eine Villa, die zu einem echten Erholungsort für Nikolas und seine Familie wird. Mit dem nötigen Abstand zur Firma erkennt Nikolas immer mehr seine wahre Bestimmung, er fängt wieder an zu schreiben.

"Das Buch eines Sommers" ist ein lebensphilosophischer Roman fürs Herz, der sich leicht und schnell liest, der uns aber auch innehalten lässt und noch lange nachwirkt. Absolut empfehlenswert!

Buchtipp von Katinka Friese
Bibliotheksleiterin Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Diogenes Verlag

Wild Swimming Deutschland - Entdecke die aufregendsten Seen, Flüsse, Wasserfälle und Strände Deutschlands

von Hansjörg Ransmayr. Verlag Haffmans Tolkemitt 2020

Aufgrund der Corona-Krise ist Deutschland für die Deutschen in diesem Sommer das bevorzugte Urlaubsland. Und zum Sommer gehört Schwimmen einfach dazu! Da viele Freibäder in diesem Sommer geschlossen bleiben müssen, bietet das Freiwasserschwimmen eine willkommene Alternative.

Der österreichische Rettungsschwimmer und WildSwimming-Pionier Hansjörg Ransmayr stellt in diesem Band 113 Schwimmstellen (sog. „spots“) in Deutschland vor. Neben Seen, Flüssen und Stränden an Nord- und Ostsee sind auch Wasserfälle, innerstädtische Schwimmstellen oder ehemalige Steinbrüche vertreten. Sowohl familienfreundliche als auch abenteuerliche Spots werden beschrieben, einige sind einfach zu erreichen, andere muss man sich erst erwandern.

Für jede Badestelle gibt es eine Bild- und eine Textseite sowie eine kurze Beschreibung der Anfahrt und GPS-Daten.

Zusätzlich liefert der Autor allgemeine Informationen über das WildSwimming, Ausrüstung, GPS und Verhaltenstipps.

Auffällig ist, dass Tipps für Schwimmstellen in der Mitte Deutschlands fehlen, was vielleicht daran liegt, dass Hansjörg Ransmayr innerhalb eines einzigen Sommers Deutschland bereist und sämtliche WildSwimming-Spots erkundet hat.

Seien Sie also nicht enttäuscht, wenn Ihre Lieblingsbadestelle nicht dabei ist, sondern freuen Sie sich, dass sie weiterhin ein Geheimtipp bleibt!

Buchtipp von Heike Sievers
Dipl.Bibliothekarin Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Verlag Haffmans Tolkemitt

SoKo Heidefieber - ein Überregionalkrimi

von Gerhard Henschel. Hoffmann und Campe Verlag 2020

„SoKo Heidefieber“ ist ein lockerer und eher mit Humor zu nehmender „Überregionalkrimi“, in dem Morde an Autoren von Kriminalromanen begangen werden. Für die Ermordung der Schriftsteller orientiert sich der Serientäter an den absurdesten Tötungsmethoden, welche die Schriftsteller in ihren Romanen verfasst haben. Auf der Suche nach dem Täter wird eine Sonderkommision bestehend aus den besten Kriminalisten der einzelnen Regionen gebildet, in denen die Morde stattfinden. Was nicht unbedingt bedeutet, dass sich alle wohlgesonnen sind. Darunter Kommissar Gerold Gerold (ja das ist sein richtiger Name) und Kommissarin Ute Fischer, die wohl als einziges Ermittlerpaar erfolgversprechend erscheinen und nicht nur beruflich zusammenarbeiten. Dazu kommen private Probleme, nervige Schriftsteller, unerwartete griechische Gefängnisaufenthalte und die ein oder anderen Liebesversuche, die diese Mordermittlung zusätzlich erschweren.
Ob dieser zusammengewürfelte Haufen von Kriminalisten den Mörder fangen kann?

Nach dem ich Heidefieber gelesen habe kam mir nur ein Gedanke…
Was hat der Autor sich nur dabei gedacht?

Der Roman „SoKo Heidefieber“ ist eine humoristische und fast schon groteske Darstellung von einem psychisch gestörten Serientäter. Er begeht Morde an Menschen nach den Vorstellungen, die seine Opfer selbst verfasst haben und hinterlässt keinerlei Spuren oder Anhaltspunkte. Ein „perfekter“ Mord nach dem anderen wird begangen. Der Leser wir durch Szenenwechsel in die verschiedensten Situationen hineingeworfen. Die Ermittler selbst tappen im Dunkeln und übertreffen sich gegenseitig sowohl in ihrer Inkompetenz als auch an Selbstüberschätzung. Ein Ermittlerteam zum Totlachen!

Mein Fazit?
Heidefieber ist mit seinen blutigen, lustvollen und satirischen Elementen ein abwechslungsreiches Werk aus dem Kriminalbereich. Wer dieses Buch lesen möchte, sollte aber keinen hartgesonnenen Krimi erwarten. Einfache Sprache mit Witz und Sarkasmus sind perfekt für einen Lese-Spaß am Nachmittag.

Buchtipp von Laura Fischer
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

 

© Hoffmann und Campe Verlag

Witchmark - die Spur der Toten

von C.L. Polk, aus dem Amerikanischen übersetzt von Michelle Gyo. Klett-Cotta 2019

Die Menschen erreichten durch die Magie Wohlstand und Fortschritt. Gleichzeitig erschufen sie Krieg und Zerstörung.

In Ihrem Romandebüt „Witchmark“ vereint C. L. Polk verschiedene Genres - Fantasy, Krimi und Mystik - zu einem stimmigen Gesamtwerk und erschafft für den Leser eine charmante spannungsreiche Geschichte. Polk erzeugt eine Welt voller Magie, politischer Intrigen und kriminalistischer Handlungen.

Dr. Miles Singer ist Arzt in einem Veteranenhospital, das nicht nur vor Patienten mit unbehandelten (magischen) Krankheiten überquillt, sondern auch als Versteck für Singers wahre Identität dient. Singer kann die Leiden und Krankheiten seiner Patienten sehen, denn er ist ein Heiler. Jedoch muss Singer diese Fähigkeiten verbergen, denn anders als anerkannte Magier ist er eine Hexe. Diese werden verfolgt und gejagt. Im Fall eines ermordeten Mannes muss Singer eine schwerwiegende Entscheidung treffen: Ein Leben in Verborgenheit und Angst? Oder in den Kampf ziehen und sich gegen die Politik stellen? Und was hat es mit den vom Wahnsinn besessenen Kriegsrückkehrern auf sich?

Witchmark ist ein Werk, welches nicht nach seinem Einband beurteilt werden sollte. Was zunächst den Eindruck eines typischen Fantasyromans über Magie und Zauberei vermittelt, entpuppt sich als vielschichtiges Werk, z.B. durch Anspielungen auf London, einige Steampunk Elemente, einer Atmosphäre ähnlich dem Ersten Weltkrieg und zunächst kleingehaltenen fantastischen Elementen.

Polk schafft es nicht nur verschiedene Genres zu vereinen, sondern auch gesellschaftliche Themen zur Diskussion zu stellen. Darunter Klassenunterschiede, Kriegsfolgen, Freiheit, Anerkennung und sexuelle Orientierung. Diese Themen werden geschickt im Hintergrund mit eingebunden und die eigentliche Geschichte von Miles Singer wird dadurch für den Leser sowohl realistischer als auch interessanter.

Trotz der typischen Merkmale des Fantasygenres und der vereinzelt auftretenden streitbaren Grammatik in der Übersetzung kann man das Buch einfach nicht weglegen!

Die fantastischen Elemente erlauben es, sich in komplizierte Themen hineinzuversetzen. Es gibt keine ausschweifenden Erzählungen und keinen Überfluss an Informationen, diese werden nacheinander an den Leser weitervermittelt. Der Handlungskern wird damit nicht sofort durchschaut, der Leser nicht überfordert und die Neugier bleibt geweckt.

Alles in allem ist „Witchmark“ ein wirklich gelungener Fantasyroman!

Der zweite Band, angekündigt für Oktober 2020, wird also sehnlichst erwartet!

Buchtipp von Laura Fischer
Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

 

© Klett-Cotta Verlag

Rote Kreuze

von Sasha Filipenko. Diogenes 2020

Man weiß es ja mittlerweile: Sogar Brecht erfuhr es noch, schon fast selbst auf dem Totenbett liegend aus Chruschtschows Geheimrede: Stalin hat riesige Verbrechen begangen, Zahlen nennt das „Schwarzbuch des Kommunismus“. Fast aber noch ergreifender ist das Einzelschicksal, das Leiden des Einzelnen im „Archipel Gulag“ oder anderswo in der Sowjetunion.

Manche Menschen, insbesondere Kommunisten in Russland wie in Deutschland, wollen es bis heute nicht einsehen: Der Stalinismus brachte ebensolche Monster hervor wie der Nationalsozialismus.

Sasha Filepenko erzählt auf emphatische Weise die Lebensgeschichte der Tatjana Alexejewna Pawkowa. In der Handlung erzählt sie sie selbst als mittlerweile alt gewordene Frau einem Nachbarn, etliche Jahrzehnte nach dem Krieg. Tatjana war keine hübsche junge Frau, kaum einer sah sich nach der Fremdsprachensekretärin im Außenministerium um. Doch endlich kam ein junger Mann. Sie verlieben sich ineinander, eine Tochter wurde ihnen geboren.

Dann begann der „Große Vaterländische Krieg“ gegen Nazideutschland und Tatjanas Alexej muss an die Front. Die Briefe von ihm bleiben irgendwann aus, seine Frau macht zunehmend Sorgen. Und dann platzt die Bombe: Es gehört zur Arbeit der Frau Pawkowa, ausländische Schreiben zu übersetzen. Dabei erfährt sie, dass der Name ihres Mannes auf einer Liste sowjetischer Kriegsgefangener in Finnland steht. Was tun? Stalin hasste eigene Soldaten, die sich in gegnerische Gefangenschaft begaben. Lieber sollten sie sich selbst töten. Die russischen Gefangenen wurden als Verräter betrachtet. So sah der Diktator sogar seinen leiblichen Sohn Jakow, dem er den (von der deutschen Seite gebotenen) Austausch und damit die Befreiung verweigerte. Stattdessen kam der Sohn im Konzentrationslager Sachsenhausen um, durch Selbstmord.

Tatjana fällt eine Entscheidung und die hat Folgen für ihr gesamtes weiteres Leben. Mehr soll nicht verraten werden. Nur so viel: Wir erleben ein großes „Menschenschicksal“ (Scholochow), die Romanheldin bewahrt sich Würde, Kampfeswillen und sogar Humor!

Auf weitere angekündigte Bücher Filipenkos darf man sich gespannt freuen!

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

© Diogenes Verlag

Die Bagage

von Monika Helfer. Hanser 2020

Man fühlt sich bei der Lektüre dieses Büchleins wie weit in die Vergangenheit geworfen, in eine weit zurückliegende Zeit, wie einst bei Autoren wie Ludwig Ganghofer. Und doch hat schon das 20. Jahrhundert begonnen in dem kleinen österreichischen Bergdorf, wo Maria Moosbrugger mit ihrem Mann Josef und ihren Kindern lebt. Der Weltkrieg beginnt, der Mann muss an die Front, um gegen die Italiener zu kämpfen.

Schwer wird das Leben nun für seine Frau. Sie hat viel Kraft und die braucht sie auch: Der Bürgermeister, der Maria eigentlich beschützen soll, bedrängt die Alleinstehende und auch ein aus Deutschland stammender Mann kreuzt ihren Weg und macht ihr den Hof. Irgendwann ist sie schwanger. Als Grete geboren wird (übrigens die spätere Mutter der Erzählerin dieser Geschichte) ist allen klar, dass der Soldat Josef nicht der Vater sein kann.

Es gibt vielerlei Verwicklungen und dem Leser wird klar, dass in dieser Gegend trotz der herrlichen Landschaft von einer Idylle niemals die Rede sein konnte. Die Moosbruggers, die „Bagage“, wie die Familiensippe überall genannt wird, halten zusammen trotz vielerlei Ärger. Irgendwie gelingt es, auch die größten Probleme zu meistern. Man schaut mit Sympathie auf diese Menschen, die alle Mühe dabeihaben, ihren täglichen Überlebenskampf zu bestehen.

Auch wenn die ganz großen Ereignisse ausbleiben: Es macht dem Leser Vergnügen, die Moosbruggers zu begleiten. Das kleine Buch ist niemals schnulzig, sondern von schlichter Schönheit.

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

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Der empfindsame Titan - Ludwig van Beethoven im Spiegel seiner wichtigsten Werke

von Christine Eichel. Karl Blessing Verlag 2019

Zum Beginn gleich die Entwarnung: Um dieses Werk mit Gewinn und sogar Spaß zu lesen, muss man kein intimer Kenner der Musikgeschichte sein, braucht man auch nicht Noten lesen zu können. Volkstümlich gesagt: Keine Angst vor „großen Tieren“!

Natürlich, daran, dass Beethoven einer der bedeutendsten Komponisten ist, die jemals existiert haben, lässt auch die Buchautorin Christine Eichel keinen Zweifel. Sie versteht es aber sehr gut, ihn vom Denkmalsockel stummer Andacht und Verehrung zu holen und uns den Musiker als Menschen mit all seinen Problemen näher zu bringen.

Und davon hatte Beethoven zeitlebens reichlich: Oft Ärger wegen Geld, fast immer mit Frauen. Eine glückliche, lang andauernde Partnerschaft mit einer Vertreterin des anderen Geschlechts war ihm vergönnt. Daran hatte er selbst aber auch reichlich Anteil.

Beethoven war wohl das, was man heute „schwer vermittelbar“ nennen würde. Egozentrisch, charakterlich aufbrausend (er warf schon mal ihm nicht schmeckende Eier aus einem Küchenfenster) und auch um sein Verhältnis zu häuslicher Ordnung und Sauberkeit war es nicht zum Besten bestellt. Einmal wurde der damals schon Weltberühmte gar für einen Landstreicher gehalten und verhaftet. Sein größtes Handicap war die zunehmende Schwerhörigkeit. Nein, einfach war ein Leben in der näheren Umgebung des Meisters sicher nicht. Trotzdem fanden sich natürlich immer wieder reichlich Verehrer, die ihm und seiner Kunst huldigten.

Anhand wichtiger Werke („Für Elise“, die Sinfonien) führt die Autorin den Leser von einer Lebensstation Beethovens zur anderen. Die Mutter starb früh (mit 41 Jahren), der Vater war unbeherrscht und verfiel dem Trunk, wurde 52 Jahre alt. Auch Ludwig van (übrigens nicht von Adel) Beethoven sprach den geistlichen Getränken gern und reichlich zu. Noch auf dem Sterbebett (1827 mit fast 57 Jahren) leerte er ein Weinglas mit einem Zuge: „Freude schöner Götterfunken“!

Am Wiener Hof war der gebürtige Bonner nicht so die große Nummer, wie es zuvor auch Mozart erging. Heute schwenkt Beethoven seine Weinpokale zweifellos im Olymp der göttlichen Musiker.

Wer Christine Eichel auf Beethovens Lebensweg gefolgt ist, weiß mehr über ihn! Die Untersuchung einer Locke, die vom Leichnam stammte, erwies einen stark erhöhten Bleigehalt, den hatten auch viele Gläser zu der Zeit – Beethovens Todesursache!

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

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100 Gedichte

von Till Lindemann. Kiepenheuer & Witsch 2020

Man kennt sie ja, die Deutschrock-Band „Rammstein“ mit ihrem brachialen Dampframmensound und den manchmal harten, ja brutalen Texten. Letztere stammen zu großen Teilen von Till Lindemann, dem Leadsänger der Gruppe. Er wurde 1963 in Sachsen als Sohn des in der DDR sehr populären Buchautors Werner Lindemann („Mike Oldfield im Schaukelstuhl“) un der vor allem aus dem Rundfunk bekannten Journalistin Gitta Lindemann geboren.

Die Lyrik ist für ihn nun seit Jahren neben der Hauptbeschäftigung als Musiker eine Art zweites Standbein. Der jetzt vorliegende Gedichtband ist bereits Lindemanns dritter. Themenkreise sind das Leben und der Tod: Liebe, Schmerz, Gewalt, aber auch Trauer und Einsamkeit spielen wichtige Rollen. Nur selten handelt es sich um eine sanfte Sprache, aber manchmal eben doch: „Ich liebe die Musik, doch leise soll sie sein.“

Lindemann gefällt sich in seiner Rolle als böser Bube: „Ich bin ein wahrer Flegel. Halte mich an keine Regel…Tu was ich nicht lassen kann, Bitterbös zu Frau und Mann.“ Ob Lindemann mit solchen Zeilen wirklich „die ganze Welt vergrämt“ und ob am Autor „alle Qual“ leiden sei dahingestellt. Meist schmeichelt der Verfasser wohl eher seinem Ego. Einen Grenzfall stellt das Gedicht „Wenn du schläfst“ dar, denn hier schildert der Erzähler, wie er sich eine Frau mittels K.O.-Tropfen gefügig macht („etwas Rohypnol ins Glas“), um sich dann an der Wehrlosen („kannst dich gar nicht mehr bewegen“) sexuell zu vergehen. Die „Geschehnisse auf der Bahnhofstoilette“ sind einfach jenseits jeder Ekel- und Geschmacksgrenze: weiterblättern möglich! Übel mag einem manchmal werden, doch Langeweile gibt es kaum in Till Lindemanns Gedichten. Fazit des Endfünfzigers:

„Das Gestern ist tot. Das Heute siecht. Das Morgen ist mir scheißegal.“

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten

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Auf einen Kaffee mit Kant - Überlebenstipps für den Alltag von den 12 größten Philosophen

von Marie Robert. Goldmann 2019

Eine Einweisung in die Philosophie: Die Autorin macht den Leser mit den größten Denkern der Weltgeschichte bekannt, dazu mit deren wichtigsten Werken und Thesen. Und es kommt noch besser: Die Verfasserin eruiert, wie sich die Philosophen in bestimmten Alltagssituationen heute verhalten würden. Anders gesagt: Wie wir als heutige Bürger aus dem Wissen und der Weisheit für uns Nutzen ziehen.

Wein gab es schon im Altertum. Wie wäre Aristoteles beispielsweise mit einem Kater umgegangen? Auch Geistesgrößen wie Platon, Kant, Nietzsche oder Heidegger geben uns Ratschläge für die Bewältigung komplizierter Lebenssituationen. Natürlich muss man die ganze Angelegenheit mit einem Augenzwinkern betrachten. Wenn man aus der Lektüre des kleinen Büchleins keinen großen praktischen Nutzen ziehen kann, dann darf man nicht allzu enttäuscht sein. Ernsthaft damit gerecht hatte der Leser sicher ohnehin nicht. Dafür hat er sich beim Lesen ein bis zwei Stunden gut unterhalten und sich bisweilen sogar gut amüsiert.

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten


 

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Der Erste Weltkrieg und Mecklenburg

herausgegeben von Florian Ostorp. Stiftung Mecklenburg, Schwerin 2019

Verschiedene Autoren widmen sich in ihren Aufsätzen unterschiedlichen Aspekten der Beteiligung Mecklenburgs am Ersten Weltkrieg. Dessen Fronten verliefen von 1914-1918 bekanntlich in Ost, West und auch im Süden fern der deutschen Heimat. Bis auf eine kleine Episode 1914 in Ostpreußen, fanden keine Kämpfe auf deutschem Boden statt. Und da es auch noch keinen nennenswerten Bombenkrieg gab, wurde Mecklenburg von den Kriegseinwirkungen zumindest nicht direkt tangiert – die Fronten verliefen jenseits der Grenzen. Indirekt schon, denn es kämpften ja viele Mecklenburger in Heer und Flotte des Kaiserreiches. Von den hohen Menschenverlusten künden noch heute viel so genannte „Kriegsdenkmäler“. Sie dienten leider nicht immer (nie bei Ernst Barlach) der Mahnung und Erinnerung, sondern bisweilen auch der Kriegsverherrlichung.

Die mecklenburgische Ostseeküste wurde kein Kriegsschauplatz, die Ostsee allgemein aber schon. Den Kampfhandlungen widmet sich ein Aufsatz, ein anderer dem Flugzeugbauer Fokker in Schwerin. Auch über das Kriegsgefangenenlager in Güstrow, wo überwiegend Russen untergebracht wurden, wird in der Broschüre informiert. Dass mecklenburgische Militärkontingente Bestandteile der preußischen Armee waren, dürfte auch nicht allgemein bekannt sein. Aus diesem und vielen anderen Gründen ist dieses Werk für alle an der Geschichte Mecklenburgs interessierten Leser eine Fundgrube an Wissen und sehr zu empfehlen! Zudem ist die Lektüre auch noch sehr spannend!

Buchtipp von Martin Habedank
Bibliotheksassistent Stadtbibliothek Ribnitz-Damgarten


 

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